Lichtenberg steht selten auf den Listen der großen Reiseführer. Wer an Berlin denkt, denkt an die Mitte, an Prenzlauer Berg, an Kreuzberg, kaum an den Osten jenseits des S-Bahn-Rings. Dabei liegt hier einer der inhaltsreichsten Bezirke der Stadt, in einer guten Viertelstunde mit der S-Bahn vom Alexanderplatz erreichbar und voll von Orten, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen.
Der Bezirk vereint sehr unterschiedliche Welten: den größten Landschaftstiergarten Europas und ein Barockschloss in Friedrichsfelde, die Stille der Villenviertel rund um Obersee und Orankesee, das wieder lebendige Wasser der Rummelsburger Bucht und gleich mehrere Gedenkorte, an denen die SED-Diktatur greifbar wird. Wer Lichtenberg durchstreift, bekommt ein ehrlicheres Bild von Berlin als auf jeder Sightseeing-Tour durch die Innenstadt.
- 1. Tierpark Berlin
- 2. Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
- 3. Schloss Friedrichsfelde
- 4. Stasimuseum und Campus für Demokratie
- 5. Museum Berlin-Karlshorst
- 6. Rummelsburger See
- 7. Obersee und Stadtpark in Alt-Hohenschönhausen
- 8. Orankesee
- 9. Funkhaus Nalepastraße
- 10. Sportforum Hohenschönhausen
- 11. Landschaftspark Herzberge
1. Tierpark Berlin
© Lotse
Mit rund 160 Hektar ist der Tierpark Berlin der größte Landschaftstiergarten Europas und das bekannteste Ausflugsziel des Bezirks. Er wurde 1955 im Park des Schlosses Friedrichsfelde eröffnet, als Ost-Berlin nach der Teilung der Stadt einen eigenen Zoo brauchte, denn der traditionsreiche Zoologische Garten lag im Westteil. Auf den weiten Wiesen, durchzogen von alten Alleen und Wasserläufen, leben mehrere tausend Tiere in über 500 Arten.
Anders als der dicht bebaute Westberliner Zoo setzt der Tierpark auf Weite. Man läuft hier lange zwischen großzügigen Freianlagen, das Alfred-Brehm-Haus mit seiner Tropenhalle gehört zu den architektonischen Höhepunkten, dazu kommen Elefanten, Eisbären und die Vietnamesischen Sikahirsche, deren Zucht hier eine lange Tradition hat. Für einen Besuch sollte man sich Zeit nehmen, ein halber Tag vergeht schnell.
Erreichbar ist der Tierpark direkt über den gleichnamigen U-Bahnhof der Linie U5, die vom Alexanderplatz kommt. Wer Kinder dabei hat, kombiniert den Rundgang mit dem benachbarten Schloss Friedrichsfelde, das mitten auf dem Gelände liegt. Im Frühling, wenn die alten Bäume austreiben und die Jungtiere zu sehen sind, ist der Park am schönsten.
2. Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
© JoachimKohler-HB
In der Genslerstraße im Norden Hohenschönhausens lag das zentrale Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit. Hier wurden bis 1989 politische Häftlinge der DDR verhört und unter Druck gesetzt, das Gelände war ein Sperrgebiet und auf keinem Stadtplan verzeichnet. Heute ist es eine Gedenkstätte, die an die Opfer der kommunistischen Diktatur erinnert.
Der eindrücklichste Teil eines Besuchs sind die Führungen, die häufig von ehemaligen Häftlingen selbst gehalten werden. Sie führen durch den alten Kellertrakt aus den ersten Nachkriegsjahren, der wegen seiner fensterlosen Wasserzellen den Namen U-Boot trug, und durch das in den 1960er Jahren errichtete Hauptgebäude mit seinen Zellen und Verhörräumen. Wer diese Räume betritt, versteht die Mechanik der Einschüchterung schneller als aus jedem Geschichtsbuch.
Die Gedenkstätte liegt etwas abseits, am besten erreichbar mit der Straßenbahn ab dem S-Bahnhof Landsberger Allee oder Hohenschönhausen. Führungen finden täglich statt, ein Besuch ohne Führung ist möglich, aber deutlich weniger eindringlich. Für Familien mit jüngeren Kindern ist der Ort kaum geeignet, für alle anderen gehört er zu den wichtigsten Erinnerungsstätten der Stadt.
3. Schloss Friedrichsfelde
© Lotse
Mitten im Tierpark steht ein elegantes Barockschloss, das viele Besucher überrascht. Schloss Friedrichsfelde wurde Ende des 17. Jahrhunderts errichtet und im 18. Jahrhundert zu seiner heutigen, klar gegliederten Form umgebaut. Die schlichte, helle Fassade und der ruhige Ehrenhof wirken wie ein Stück Potsdam, das sich in den Berliner Osten verirrt hat.
Im Inneren sind festlich ausgestattete Räume aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert zu sehen, mit Stuckdecken, klassizistischem Mobiliar und einem Festsaal, der im Winter für Konzerte genutzt wird. Das Schloss ist heute ein Ort für Kammermusik und festliche Veranstaltungen und lässt sich gut mit einem Tierparkbesuch verbinden, da es ohnehin auf dessen Gelände liegt.
Der umgebende Schlosspark, ursprünglich von Peter Joseph Lenné gestaltet, bildet den landschaftlichen Kern des heutigen Tierparks. Wer die Tiere einmal Tiere sein lässt und einfach durch die alten Baumgruppen und über die Wiesen spaziert, erlebt eine der schönsten Gartenanlagen im Osten Berlins.
4. Stasimuseum und Campus für Demokratie
© DieNormativität
An der Normannenstraße in Lichtenberg lag die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit, ein ganzer Gebäudekomplex, von dem aus die DDR ihre Bevölkerung überwachte. Im früheren Dienstsitz des Ministers Erich Mielke, dem sogenannten Haus 1, befindet sich heute das Stasimuseum. Die originalgetreu erhaltenen Büro- und Konferenzräume im obersten Stockwerk zeigen die nüchterne Machtarchitektur des Apparats bis ins Detail.
Das Museum dokumentiert die Methoden der Geheimpolizei: versteckte Kameras, getarnte Mikrofone, das System der inoffiziellen Mitarbeiter und die schiere Menge an Akten, die über Millionen Bürger angelegt wurden. Im Januar 1990 stürmten Demonstranten genau dieses Gelände, ein Schlüsselmoment der friedlichen Revolution, an den vor Ort erinnert wird.
Heute trägt das gesamte Areal den Namen Campus für Demokratie und vereint das Stasimuseum, das Stasi-Unterlagen-Archiv und weitere Einrichtungen. Erreichbar ist es über den U-Bahnhof Magdalenenstraße der Linie U5. Wer sich für die Mechanik von Überwachung und Diktatur interessiert, sollte den Besuch mit der Gedenkstätte Hohenschönhausen verbinden, die das Geschehen aus der Perspektive der Häftlinge ergänzt.
5. Museum Berlin-Karlshorst
© Thm72
In Karlshorst steht ein Haus, in dem ein Stück Weltgeschichte zu Ende ging. Im Festsaal des heutigen Museums unterzeichneten in der Nacht zum 9. Mai 1945 deutsche Offiziere die Ratifizierung der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Der Saal ist bis heute im Zustand jenes Tages erhalten, mit dem langen Tisch und den Flaggen der Siegermächte, und gehört zu den bewegendsten authentischen Orten der Stadt.
Das Museum, lange als Deutsch-Russisches Museum bekannt, erzählt die Geschichte des deutsch-sowjetischen Krieges von 1941 bis 1945 aus beiden Perspektiven. Die Dauerausstellung zeigt, wie aus dem deutschen Überfall ein Vernichtungskrieg wurde und welche Folgen er für Millionen Menschen hatte. Es ist das einzige Museum dieser Art in Deutschland, getragen von deutschen und osteuropäischen Partnern.
Karlshorst ist über den gleichnamigen S-Bahnhof gut erreichbar, von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß durch das ruhige Villenviertel. Der Eintritt ist frei. Rund um das Museum lohnt ein kurzer Spaziergang durch die gediegenen Straßenzüge, die nach dem Krieg lange als sowjetisches Sperrgebiet dienten.
6. Rummelsburger See
© Jörg Zägel
Die Rummelsburger Bucht, eine Ausbuchtung der Spree an der Grenze zu Friedrichshain, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Wo einst Industrie, eine Strafanstalt und stillgelegte Hafenanlagen das Ufer prägten, liegt heute eines der attraktivsten Wasserquartiere Berlins. Vom verfallenden Randgebiet hat sich der See zu einem beliebten Naherholungsort gewandelt.
Rund um das Wasser ziehen sich Wege, an denen Hausboote, Segler und neue Wohnanlagen liegen. An warmen Tagen wird die Bucht zur Badestelle, Spaziergänger und Radfahrer haben hier freie Sicht über das Wasser bis hinüber zum gegenüberliegenden Ufer. Die Mischung aus Großstadt und Wasserrand macht den besonderen Reiz dieses Ortes aus.
Am schnellsten erreicht man die Bucht über den S-Bahnhof Ostkreuz, von dort führt ein kurzer Weg ans Wasser. Wer mag, läuft am Ufer entlang in Richtung Stralau und folgt der Spree weiter, eine der schönsten innerstädtischen Wasserstrecken Berlins, gerade zur Abendsonne.
7. Obersee und Stadtpark in Alt-Hohenschönhausen
© Mazbln
Im alten Dorfkern von Hohenschönhausen liegt der Obersee, ein kleiner, von Villen und altem Baumbestand gesäumter See, der zu den stillsten Orten des Bezirks gehört. Wer den Trubel der Stadt vergessen will, findet hier ein überraschend idyllisches Stück Berlin, weit weg von den Klischees der umliegenden Plattenbauviertel.
Am Ufer steht das Mies van der Rohe Haus, ein Wohnhaus, das der berühmte Architekt 1933 für die Familie Lemke entwarf. Es war eines seiner letzten in Deutschland verwirklichten Projekte, bevor er emigrierte. Der flache Backsteinbau mit seiner klaren Geometrie öffnet sich zum Garten und zum See hin und ist heute als kostenlos zugänglicher Ausstellungsort der modernen Kunst und Architektur gewidmet.
Rund um den Obersee lässt sich gut spazieren, der See ist klein genug, um ihn in einer halben Stunde zu umrunden. Erreichbar ist die Gegend mit der Straßenbahn aus Richtung Innenstadt. In Kombination mit dem benachbarten Orankesee ergibt sich ein entspannter Nachmittag im grünen, alten Hohenschönhausen.
8. Orankesee
© Lukas Beck
Nur einen kurzen Weg vom Obersee entfernt liegt der Orankesee, der größere und lebhaftere der beiden Hohenschönhausener Seen. Im Sommer ist er vor allem für sein Strandbad bekannt, ein traditionsreiches Freibad mit Sandstrand, das schon zu DDR-Zeiten ein beliebtes Ausflugsziel war und bis heute Familien aus dem ganzen Osten der Stadt anzieht.
Wer nicht baden will, umrundet den See auf dem schattigen Uferweg oder setzt sich an einer der Wiesen ins Gras. Die Anlage ist sorgfältig gepflegt, das Wasser gilt als sauber, und an heißen Tagen herrscht entspanntes Treiben ohne die Enge der innerstädtischen Bäder. Zusammen mit dem stilleren Obersee bildet der Orankesee ein grünes Doppel im alten Ortskern.
Erreichbar ist der See gut mit der Straßenbahn, mehrere Linien halten in der Nähe. Im Frühling und Herbst, wenn das Strandbad ruhiger ist, lohnt sich der Spaziergang um beide Seen besonders, denn dann hat man die alten Villenstraßen fast für sich allein.
9. Funkhaus Nalepastraße
© Andreas Steinhoff
An der Spree im Süden des Bezirks, in Rummelsburg an der Grenze zu Oberschöneweide, steht eines der ungewöhnlichsten Bauwerke Berlins: das Funkhaus an der Nalepastraße. Ab den 1950er Jahren entstand hier das zentrale Rundfunkzentrum der DDR, entworfen vom Architekten Franz Ehrlich, einem ehemaligen Bauhaus-Schüler. Die strenge Backsteinarchitektur und die berühmten Aufnahmesäle gelten akustisch bis heute als Weltklasse.
Nach dem Ende der DDR drohte dem Areal lange der Verfall, doch inzwischen ist es zu einem lebendigen Ort für Musik, Kultur und Veranstaltungen geworden. In den historischen Studios wird wieder aufgenommen, in den Sälen finden Konzerte statt, und an den Wochenenden ziehen Märkte und Festivals Besucher an. Der raue Charme der erhaltenen Originalsubstanz macht den besonderen Reiz aus.
Das Funkhaus liegt etwas abseits am Wasser, erreichbar mit dem Bus oder bei gutem Wetter mit dem Rad entlang der Spree. Wer Architektur und Industriegeschichte mag, sollte den Weg auf sich nehmen, schon der Blick über die Spree von der Uferpromenade lohnt den Abstecher.
10. Sportforum Hohenschönhausen
© Mazbln
Im Norden Lichtenbergs liegt das Sportforum Hohenschönhausen, einer der größten Sportkomplexe Deutschlands und zu DDR-Zeiten die zentrale Trainingsstätte des Leistungssports. Auf dem weitläufigen Gelände reihen sich Hallen, Stadien und Trainingsanlagen aneinander, hier wurden Generationen von Olympiastartern und Spitzensportlern ausgebildet.
Bis heute trainieren hier zahlreiche Vereine und Bundeskader, das Forum ist ein lebendiger Ort des Sports geblieben. Die Eishalle ist Heimstätte der Eisbären-Nachwuchsmannschaften, dazu kommen Leichtathletik, Schwimmen, Turnen und viele weitere Disziplinen unter einem Dach. Für Sportinteressierte ist das Areal ein spannender Einblick in die deutsche Sportgeschichte zwischen DDR-Erbe und Gegenwart.
Das Gelände lässt sich gut mit der Straßenbahn aus der Innenstadt erreichen. Wer hier zu einem Wettkampf oder Heimspiel kommt, erlebt das Forum von seiner lebendigsten Seite. Auch ein Spaziergang über das Gelände vermittelt einen Eindruck von den Dimensionen dieses besonderen Ortes.
11. Landschaftspark Herzberge
© Z thomas
Zwischen Wohnvierteln und Gewerbeflächen im Zentrum Lichtenbergs liegt ein überraschend weiter Grünraum: der Landschaftspark Herzberge. Auf den offenen Wiesen weidet eine Schafherde, durchzogen von Wegen, alten Baumreihen und Kleingartenanlagen. Der Park ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie aus innerstädtischen Brachflächen ein naturnaher Erholungsraum werden kann.
Anders als die formalen Parks der Innenstadt setzt Herzberge auf Landschaft und Naturschutz. Die Wiesen werden extensiv gepflegt, im Sommer summt es zwischen den Gräsern, und die grasenden Schafe geben dem Ort einen fast ländlichen Charakter mitten in der Großstadt. Für Spaziergänger, Jogger und Familien ist es ein ruhiger Rückzugsort abseits der Touristenpfade.
Der Park grenzt an das historische Krankenhausgelände Herzberge mit seinen denkmalgeschützten Backsteinbauten. Erreichbar ist er über mehrere Straßenbahn- und Buslinien. Wer Lichtenberg jenseits der bekannten Sehenswürdigkeiten kennenlernen will, findet hier eine seiner schönsten grünen Seiten.
- Dorfkirche und Dorfanger Alt-Hohenschönhausen: Mitten im Häusermeer hat sich rund um die mittelalterliche Dorfkirche von Hohenschönhausen ein Stück Dorf erhalten. Der alte Anger mit Feldsteinkirche, deren Kern bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, erinnert daran, dass der Bezirk lange aus kleinen Bauerndörfern bestand. Ein kurzer Halt lohnt sich, wenn man ohnehin zu Obersee und Orankesee unterwegs ist.
- Tierpark-Spaziergang am frühen Morgen: Wer den Tierpark gleich nach der Öffnung betritt, hat die weiten Wiesen fast für sich. In der Morgenstille sind viele Tiere aktiver als am vollen Nachmittag, und das Licht über den alten Alleen ist für Fotos unschlagbar. Ein Tipp für alle, die den größten Landschaftstiergarten Europas ohne Trubel erleben wollen.
- Uferweg von der Rummelsburger Bucht nach Stralau: Vom Ostkreuz führt ein wenig bekannter Spazierweg am Wasser entlang um die Halbinsel Stralau, vorbei an alten Industriebauten, kleinen Stränden und Blicken über die Spree. Gerade zur Abendsonne ist diese Runde eine der schönsten und ruhigsten Wasserstrecken im Osten Berlins, und doch kennen sie überraschend wenige.
Lichtenberg belohnt jeden, der über den S-Bahn-Ring hinausschaut. Kaum ein anderer Berliner Bezirk verbindet so dicht die großen Themen des 20. Jahrhunderts mit weiten Grünflächen und stillem Wasser. Wer die elf Orte dieser Liste nacheinander abläuft, bekommt ein vollständigeres Bild von Berlin als auf jeder Tour durch die Innenstadt.
Am besten plant man mehr als einen Tag ein und kombiniert die Ziele nach Lage: Tierpark und Schloss im Süden, die beiden Seen und die Gedenkorte im Norden, das Wasser von Rummelsburg und das Funkhaus im Südosten. So wird aus dem unterschätzten Bezirk eine echte Entdeckung.