Lichtenberg war über ein Jahrhundert lang ein Ort der harten Funktionen: Eisenbahn, Schwerindustrie, Fürsorgeanstalten und ab 1950 der Sicherheitsapparat der DDR. Vom Dorf am Rand Berlins wuchs der Bezirk im Sog der Industrialisierung zu einem Gürtel aus Werkhallen, Gleisanlagen und Verwaltungsbauten, dazu kamen im Norden alte Gutsdörfer und die Rieselfelder, mit denen die Stadt ihr Abwasser entsorgte. Diese Dichte an Funktionen hat eine Dichte an stillgelegten und vergessenen Orten hinterlassen.
Wir gehen diesen verlorenen Orten nach, vom leeren Schwimmbad über den verfallenden Rundlokschuppen bis zu den Resten gesprengter Dorfkirchen, ohne zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Vieles lässt sich vom öffentlichen Weg aus erkennen, anderes ist heute Gedenkort, Naturschutzgebiet oder Baustelle. Die Geschichte bleibt sichtbar, auch wo die alte Nutzung längst erloschen ist.
Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.
- 1. Ehemaliges Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen
- 2. Stadtbad Lichtenberg (Hubertusbad)
- 3. Arbeits- und Bewahrungshaus Rummelsburg
- 4. Rundlokschuppen am Bahnbetriebswerk Rummelsburg
- 5. Gutspark Falkenberg
- 6. Trabrennbahn Karlshorst
- 7. Knorr-Bremse Hauptwerk an der Hirschberger Straße
- 8. VEB Elektrokohle Lichtenberg (Herzbergstraße)
- 9. Industriebrachen an der Rummelsburger Bucht
- 10. Falkenberger Rieselfelder
- 11. Reste der gesprengten Dorfkirche Malchow
- 12. Standort der Dorfkirche Wartenberg
- Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
- Quellen
1. Ehemaliges Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen

- Lage: Genslerstraße, Alt-Hohenschönhausen
- In Betrieb: 1951 bis 1990 als zentrale Untersuchungshaftanstalt des MfS
- Heute: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
- Status: Gebäude und Zellen weitgehend original erhalten
Auf dem abgeriegelten Areal an der Genslerstraße betrieb das Ministerium für Staatssicherheit von 1951 bis 1990 seine zentrale Untersuchungshaftanstalt. Zuvor hatten hier ein sowjetisches Speziallager und ein Untersuchungsgefängnis bestanden, das Gelände war über Jahrzehnte ein militärischer Sperrbezirk und auf keinem Stadtplan verzeichnet.1
Rund 11.000 Menschen waren in den fast vierzig Jahren des MfS-Betriebs hier inhaftiert. Seit 1994 ist der Ort eine Gedenkstätte, die Zellentrakte, Vernehmerzimmer und der fensterlose Neubau sind fast unverändert erhalten und werden von Zeitzeugen gezeigt.
2. Stadtbad Lichtenberg (Hubertusbad)

- Lage: Hubertusstraße, Ortsteil Lichtenberg
- Erbaut: 1925 bis 1928 von Rudolf Gleye und Otto Weis
- Geschlossen: 1991 wegen Bauschäden
- Schutz: steht unter Denkmalschutz
Das 1928 eröffnete Hubertusbad galt als eine der modernsten Badeanstalten Berlins, ein Paradebeispiel expressionistischer Backsteinarchitektur mit getrennten Hallen, medizinischen Bädern und Sonnenterrasse. 1991 zwang ein Defekt der Hauptwasserzuführung zur Schließung.2
Seither steht das Bad als schlafendes Denkmal leer, die großen Hallen mit ihren Sprungfiguren und Kacheln verfielen über drei Jahrzehnte. Ein Förderverein und mehrere Sanierungspläne kämpfen seit Jahren um eine neue Nutzung des Gebäudes.
3. Arbeits- und Bewahrungshaus Rummelsburg

- Lage: Rummelsburger Bucht, an der Hauptstraße
- Erbaut: 1877 bis 1879 als städtisches Arbeitshaus
- Geschlossen: Haftanstalt im Oktober 1990 aufgelöst
- Heute: Wohnquartier mit Gedenkort, Backsteinbauten erhalten
Das zwischen 1877 und 1879 errichtete Arbeitshaus der Stadt Berlin galt als größte Anstalt ihrer Art. Die Nationalsozialisten machten daraus ein Arbeits- und Bewahrungshaus, sperrten dort Wohnungslose, Bettler und politisch Verfolgte ein, 1941 wurden hier inhaftierte Juden ermordet. In der DDR diente das Gelände als Haftanstalt.3
Nach der Schließung 1990 wurde das Areal an der Rummelsburger Bucht zum Wohnquartier umgebaut. Mehrere der historischen Backsteinhäuser blieben unter Denkmalschutz erhalten, ein Gedenkort erinnert an die Opfer der verschiedenen Haftregime.
4. Rundlokschuppen am Bahnbetriebswerk Rummelsburg

- Lage: Bahngelände Rummelsburg, Ortsteil Rummelsburg
- Erbaut: bis 1879 fertiggestellt, 60 Meter Durchmesser
- Außer Betrieb: Betrieb 1993 eingestellt
- Status: denkmalgeschützt, Abrissantrag 2010 abgelehnt
Der bis 1879 fertiggestellte Rundlokschuppen ruht auf 24 gusseisernen Säulen und trägt eine 30 Meter weite Kuppel nach Schwedlerscher Bauart. Im Inneren wartete eine Drehscheibe einst Dampfloks, die für die Halle später schlicht zu lang wurden.4
1993 endete der Betrieb endgültig, seither verfällt der Bau auf dem aktiven Bahngelände. Neben dem Pendant in Pankow ist er der einzige erhaltene Rundlokschuppen seiner Art in Deutschland, ein 2010 gestellter Abrissantrag der Bahn wurde abgelehnt.
5. Gutspark Falkenberg

- Lage: Dorfstraße, Ortsteil Falkenberg
- Geschichte: Gut 1370 erstmals erwähnt, 1791 von der Familie Humboldt erworben
- Abgerissen: kriegszerstörtes Gutshaus 1961 abgetragen
- Heute: öffentlicher Park mit altem Gutsteich
Das Gut Falkenberg geht bis ins 14. Jahrhundert zurück und gehörte ab 1791 der Familie der Humboldts, bevor es im 19. Jahrhundert an die Stadt Berlin fiel. Das barocke Gutshaus an der Dorfstraße wurde im Zweiten Weltkrieg ausgebombt und 1961 abgerissen.5
Vom einstigen Herrensitz blieb vor allem der alte Park mit dem Gutsteich, der heute öffentlich zugänglich ist. Eine Gedenktafel und der dörfliche Zuschnitt der Dorfstraße erinnern an die lange Geschichte des verschwundenen Guts.
6. Trabrennbahn Karlshorst

- Lage: Treskowallee, Ortsteil Karlshorst
- Eröffnet: 1894 als Galopprennbahn
- Geschichte: einzige Trabrennbahn der DDR
- Heute: Pferdesportpark, Tribünen teils ungenutzt
1894 als Galopprennbahn eröffnet, galt die Anlage an der Treskowallee um 1900 als eine der schönsten Europas. Nach 1945 fanden hier die ersten Nachkriegsrennen Berlins statt, zu DDR-Zeiten war Karlshorst die einzige Trabrennbahn des Landes.6
Nach der Wende geriet der Rennbetrieb in dauerhafte Schwierigkeiten, Pächter zogen sich zurück und Teile der historischen Tribünen wurden kaum noch genutzt. Heute betreibt ein Verein das Gelände als Pferdesport- und Veranstaltungsort, der alte Glanz schimmert nur noch in Resten durch.
7. Knorr-Bremse Hauptwerk an der Hirschberger Straße

- Lage: Hirschberger Straße, Ortsteil Lichtenberg
- Erbaut: ab 1922 nach Plänen von Alfred Grenander
- Stillgelegt: Produktion 1993 nach Marzahn verlagert
- Heute: Bürogebäude, expressionistische Backsteinfassade erhalten
Ab 1922 errichtete der Architekt Alfred Grenander für die Knorr-Bremse ein neues Hauptwerk östlich der Ringbahn, einen markanten Backsteinbau mit expressionistischem Ziergitter. Die Firma war zeitweise der größte Bremsenlieferant Europas.7
1993 wurde die Produktion an der Hirschberger Straße aufgegeben und nach Marzahn verlagert. Die denkmalgeschützten Werkbauten blieben erhalten und dienen heute als Bürostandort, die Schwerindustrie der Gründerzeit ist daraus längst verschwunden.
8. VEB Elektrokohle Lichtenberg (Herzbergstraße)

- Lage: Herzbergstraße, Ortsteil Lichtenberg
- Geschichte: ab 1872 Siemens, ab 1954 VEB Elektrokohle
- Stillgelegt: Produktion nach 1990 eingestellt
- Heute: Brache teils abgerissen, Dong Xuan Center und Eventflächen
Die Wurzeln des Werks reichen bis 1872 zu Siemens zurück, ab 1954 stellte der VEB Elektrokohle Lichtenberg als einziger Betrieb der DDR Graphitprodukte her und beschäftigte zeitweise über 3.000 Menschen. Nach 1990 brach die Produktion zusammen.8
Viele Produktionshallen und Schornsteine wurden abgerissen und der Boden saniert. Auf einem Teil des Areals entstand das Dong Xuan Center, das frühere Kulturhaus und Verwaltungsgebäude an der Herzbergstraße wurden zu Eventflächen umgebaut.
9. Industriebrachen an der Rummelsburger Bucht

- Lage: Ufer des Rummelsburger Sees, Ortsteil Rummelsburg
- Früher: Militär, Lager, Betonwerk und Anstalten am Ufer
- Heute: Wohnquartier, Uferweg und renaturierte Flächen
- Highlight: fünfzehn erhaltene Backsteinbauten unter Denkmalschutz
Das Ufer des Rummelsburger Sees war über Jahrzehnte von Militäranlagen, Lagerplätzen, einem Betonwerk und Fürsorgeanstalten geprägt. Nach der Wende lagen weite Flächen brach, ehe Entsiegelung und Renaturierung das Areal grundlegend veränderten.9
Heute reihen sich Wohnungen und ein Uferweg am Wasser, fünfzehn alte Backsteinbauten blieben wegen ihrer sozialgeschichtlichen Bedeutung als Denkmal erhalten. Am Paul-und-Paula-Ufer, benannt nach dem DEFA-Film von 1973, erinnert wenig an die einstige Industriekulisse.
10. Falkenberger Rieselfelder

- Lage: nördlicher Bezirksrand bei Falkenberg
- Angelegt: um 1884 zur Abwasserverrieselung
- Stillgelegt: ab 1968 mit Bau der Kläranlage überflüssig
- Heute: Naturschutzgebiet und Natura-2000-Fläche
Um 1884 legte die Stadt im Norden große Rieselfelder an, auf denen das Berliner Abwasser versickerte und gereinigt wurde. Mit dem zunehmend belasteten Wasser und dem Bau einer Kläranlage 1968 verloren die Felder ihre Aufgabe.10
Aus dem aufgegebenen Technikgelände wurde eine vergessene Naturfläche, 1995 unter Schutz gestellt. Reste von Riesel- und Sickerbecken, Gräben und Hecken sind noch erkennbar, seltene Amphibien wie Kammmolch und Rotbauchunke machten das Gebiet zur Natura-2000-Fläche.
11. Reste der gesprengten Dorfkirche Malchow

- Lage: Dorfstraße, Ortsteil Malchow
- Erbaut: mittelalterlicher Feldsteinbau
- Zerstört: am 21. April 1945 von der Wehrmacht gesprengt
- Heute: Glockenstuhl und Gedenktafel am alten Standort
Malchow gehört zu den alten Dörfern im Norden Lichtenbergs, seine mittelalterliche Feldsteinkirche stand über Jahrhunderte im Dorfkern. In den letzten Kriegstagen sprengte die Wehrmacht am 21. April 1945 die drei Nachbarkirchen Malchow, Wartenberg und Falkenberg.11
Von der Malchower Kirche blieb nur die leere Stelle im Dorf. Ein hölzerner Glockenstuhl und eine Gedenktafel markieren heute den Standort, an dem das gesprengte Gotteshaus einst stand.
12. Standort der Dorfkirche Wartenberg

- Lage: Dorfplatz, Ortsteil Wartenberg
- Geschichte: galt als schönste Dorfkirche Berlins
- Zerstört: am 21. April 1945 gesprengt
- Heute: Baumhain auf dem alten Kirchhof, Gedenktafel seit 2010
Die Dorfkirche Wartenberg galt unter Fachleuten als die schönste Berlins, ein spätromanischer Feldsteinbau im Zentrum des Gutsdorfs. Wie die Nachbarkirchen wurde sie am 21. April 1945 von der Wehrmacht gesprengt.12
Heute markiert ein dichter Baumhain auf dem geschützten Kirchhof die einstige Stelle, dazu ein hölzerner Glockenträger. Eine Gedenktafel erinnert seit 2010 an das verschwundene Gotteshaus.
Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
Viele dieser Orte in Lichtenberg sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.
Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.