Lichtenberg traegt seine Geschichte selten zur Schau, und doch hat kaum ein Berliner Bezirk so viele Lebenslaeufe gepraegt. Hier wuchs ein Junge in den aermlichen Laubenkolonien von Rummelsburg auf und wurde zum beruehmtesten Zeichner Berlins, hier zog eine Erfolgsschriftstellerin in eine Karlshorster Villa und schrieb am Fliessband Liebesromane, und hier baute ein Zoologe aus Truemmern den groessten Landschaftstierpark Europas.
Vom Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde ueber die Trabrennbahn Karlshorst bis zur einstigen Stasi-Zentrale in der Normannenstrasse reicht das Spektrum der Spuren. Diese Liste versammelt Menschen, die in Lichtenberg geboren wurden, hier wohnten, arbeiteten oder bis heute mit dem Bezirk verbunden bleiben. Manche sind weltbekannt, andere fast vergessen, aber alle haben Lichtenberg ein Stueck weit geformt.
1. Heinrich Zille

- Lebensdaten: 1858 bis 1929
- Funktion: Zeichner, Grafiker und Fotograf
- Lichtenberg-Bezug: verbrachte seine Jugend ab 1872 in Rummelsburg
- Bekannt fuer: Szenen aus dem Berliner Arbeitermilljoeh
Heinrich Zille wurde in Sachsen geboren, doch seine praegenden Jahre erlebte er in Lichtenberg. 1872 kaufte sein Vater ein kleines Gartenhaus an der heutigen Fischerstrasse in Rummelsburg, wo die Familie in aermlichen Verhaeltnissen lebte.1
Die Spaziergaenge des jungen Zille fuehrten ihn an den Rummelsburger See und nach Stralau, und genau diese Beobachtungen der einfachen Leute wurden spaeter sein Markenzeichen. Heute gilt er als einer der bekanntesten Berliner ueberhaupt, beruehmt vor allem fuer seine Bilder aus dem proletarischen Berlin.
2. Carl Legien

- Lebensdaten: 1861 bis 1920
- Funktion: Gewerkschaftsfuehrer und SPD-Politiker
- Lichtenberg-Bezug: Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde
- Bekannt fuer: Vorsitzender des ADGB, erster Praesident des Internationalen Gewerkschaftsbundes
Carl Legien war einer der einflussreichsten Gewerkschafter des Kaiserreichs und der fruehen Weimarer Republik. Als Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften baute er die deutsche Arbeiterbewegung zu einer organisierten Macht aus.2
Mit Lichtenberg verbindet ihn vor allem sein Grab. Legien wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt, dem spaeteren Sozialistenfriedhof, wo bis heute viele Vertreter der Arbeiterbewegung in einem Ehrengrab ruhen.
3. Hedwig Courths-Mahler

- Lebensdaten: 1867 bis 1950
- Funktion: Schriftstellerin
- Lichtenberg-Bezug: wohnte 1906 bis 1914 in der Doenhoffstrasse in Karlshorst
- Bekannt fuer: ueber 200 erfolgreiche Liebesromane
Hedwig Courths-Mahler zog 1906 mit ihrer Familie nach Karlshorst und lebte neun Jahre lang in der Doenhoffstrasse. In dieser Zeit erlebte sie ihre produktivste Schaffensphase, in der ein Roman nach dem anderen entstand.3
Ihre Unterhaltungsromane vom besseren Leben verkauften sich millionenfach und machten sie zur meistgelesenen Autorin ihrer Zeit. Das Museum Lichtenberg wuerdigte sie 2017 mit einer eigenen Ausstellung zu ihrem 150. Geburtstag.
4. Hermann Duncker
- Lebensdaten: 1874 bis 1960
- Funktion: Marxistischer Politiker und Bildungsfunktionaer
- Lichtenberg-Bezug: wohnte 1926 bis 1933 in der Junker-Joerg-Strasse in Karlshorst
- Spuren heute: Hermann-Duncker-Denkmal an der Treskowallee
Hermann Duncker gehoerte mit Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin zu den Mitbegruendern des Spartakusbundes und der KPD. Im Zentralkomitee der Partei war er fuer Schulung und Bildungsarbeit zustaendig.4
Von 1926 bis 1933 wohnte er mit seiner Frau Kaete Duncker in Karlshorst. Seit 1976 erinnert ein schlichtes Denkmal in einer kleinen Gruenanlage zwischen Bahnhof, Treskowallee und Wandlitzstrasse an ihn.
5. Bernhard Lichtenberg
- Lebensdaten: 1875 bis 1943
- Funktion: Katholischer Geistlicher, Berliner Dompropst
- Lichtenberg-Bezug: wirkte 1905 bis 1910 als Seelsorger in Karlshorst
- Bekannt fuer: konsequenter Gegner des NS-Regimes, 1996 seliggesprochen
Bernhard Lichtenberg begann seine Laufbahn als junger Geistlicher in Karlshorst, wo er von 1905 bis 1910 als Seelsorger taetig war. Spaeter wurde er Pfarrer an der St.-Hedwigs-Kathedrale und Dompropst.5
Nach der Pogromnacht 1938 betete er oeffentlich fuer die verfolgten Juden und wurde dafuer von der Gestapo verhaftet. Er starb 1943 auf dem Transport ins KZ Dachau und wurde 1996 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.
6. Willy Abel

- Lebensdaten: 1875 bis 1951
- Funktion: Ingenieur und Erfinder
- Lichtenberg-Bezug: gruendete 1912 die Harras-Werke in der Rittergutstrasse
- Bekannt fuer: Erfinder des Eierschneiders und des Brotschneiders mit Rundklinge
Willy Abel gruendete 1912 in Lichtenberg seine Harras-Werke und wurde mit der Massenproduktion kleiner Haushaltsgeraete weltbekannt. Sein Eierschneider verkaufte sich bis 1950 ueber zehn Millionen Mal.6
Im Laufe seines Lebens meldete Abel 63 Erfindungen zum Patent an, darunter auch den ersten Briefmarkenautomaten fuer die Reichspost. Anders als viele Erfinder vermarktete er seine Produkte selbst und starb 1951 in Berlin-Lichtenberg.
7. Victor Aronstein
- Lebensdaten: 1896 bis 1945
- Funktion: Praktischer Arzt
- Lichtenberg-Bezug: fuehrte ab 1933 seine Praxis in Alt-Hohenschoenhausen
- Spuren heute: Gedenktafel in der Werneuchener Strasse
Victor Aronstein war ein beliebter juedischer Arzt, dessen Praxis in der Werneuchener Strasse in Hohenschoenhausen, dem heutigen Lichtenberg, auch Kommunisten und Sozialdemokraten als Treffpunkt diente. 1937 zwang ihn das NS-Regime, die Praxis aufzugeben.7
1941 wurde Aronstein ins Ghetto Lodz deportiert und 1945 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Eine Gedenktafel und ein Stolperstein erinnern heute an den Arzt, der sich um die kleinen Leute des Bezirks kuemmerte.
8. Erich Mielke

- Lebensdaten: 1907 bis 2000
- Funktion: Minister fuer Staatssicherheit der DDR
- Lichtenberg-Bezug: leitete von Lichtenberg aus die Stasi-Zentrale in der Normannenstrasse
- Spuren heute: Stasi-Museum in der ehemaligen Zentrale
Erich Mielke wurde in Berlin-Wedding geboren, doch sein Machtzentrum lag in Lichtenberg. Von 1957 bis 1989 stand er an der Spitze des Ministeriums fuer Staatssicherheit, dessen weitlaeufige Zentrale sich zwischen Frankfurter Allee, Ruschestrasse und Normannenstrasse erstreckte.8
In dem als Haus 1 bekannten Gebaeude hatte Mielke ab 1962 sein Buero, von dem aus er einen Apparat aus tausenden hauptamtlichen Mitarbeitern befehligte. Heute ist die Etage im Stasi-Museum nahezu im Originalzustand zu besichtigen.
9. Heinrich Dathe

- Lebensdaten: 1910 bis 1991
- Funktion: Zoologe und Tierparkdirektor
- Lichtenberg-Bezug: Gruendungsdirektor des Tierparks Berlin in Friedrichsfelde
- Spuren heute: Heinrich-Dathe-Platz und Ehrengrab in Friedrichsfelde
Heinrich Dathe baute nach dem Krieg im Schlosspark Friedrichsfelde den Tierpark Berlin auf, der 1955 eroeffnet wurde und heute zu den groessten Landschaftstierparks Europas zaehlt. Mehr als drei Jahrzehnte leitete er die Anlage als Direktor.9
Mit unzaehligen Radio- und Fernsehauftritten wurde Dathe zu einem der populaersten Wissenschaftler der DDR. Sein Ehrengrab liegt in Friedrichsfelde, und am Bahnhof Tierpark erinnern der Heinrich-Dathe-Platz und die Dathe-Promenade an ihn.
10. Peter Kwiet
- geboren 1940: in Karlshorst
- Funktion: Trabrennfahrer und Trainer
- Lichtenberg-Bezug: geboren in Lichtenberg unweit der Trabrennbahn Karlshorst
- Bekannt fuer: Sieg im Deutschen Traber-Derby 1968, ueber 4.300 Siege
Peter Kwiet kam 1940 in Karlshorst zur Welt, nur einen Steinwurf von der traditionsreichen Trabrennbahn entfernt. 1954 begann er seine Lehre als Trabrennfahrer und entwickelte sich zu einer Legende des Berliner Pferdesports.10
In seiner Laufbahn fuhr er ueber 4.300 Siege ein, sein groesster Erfolg war der Sieg im Deutschen Traber-Derby 1968 mit dem Hengst Manzanares. Bis heute gilt Kwiet als Botschafter des Trabrennsports.
11. Paul Kalkbrenner

- geboren 1977: in Leipzig
- Funktion: Techno-Produzent und DJ
- Lichtenberg-Bezug: wuchs in Lichtenberg auf, Mitglied bei SV Sparta Lichtenberg
- Spuren heute: Paul Kalkbrenner Sportfeld bei Sparta Lichtenberg
Paul Kalkbrenner wurde in Leipzig geboren, kam aber als Kind nach Berlin und wuchs in Lichtenberg mitten in Ost-Berlin auf. Beim Mauerfall war er dreizehn Jahre alt, kurz darauf begann seine Karriere in der entstehenden Techno-Szene.11
Mit dem Film und Soundtrack Berlin Calling wurde er international bekannt. Seine Wurzeln im Bezirk blieben sichtbar: 2025 benannte sein Kindheitsverein SV Sparta Lichtenberg seinen Sportplatz in Paul Kalkbrenner Sportfeld um.
Ausblick
Was diese Lebenslaeufe verbindet, ist selten der grosse Glanz und oft die harte Arbeit. Ein Erfinder, der seinen Eierschneider millionenfach verkaufte, ein Arzt, der in Hohenschoenhausen die kleinen Leute behandelte, ein Trabrennfahrer aus Karlshorst, ein Techno-Produzent vom Bolzplatz seines Heimatvereins. Lichtenberg war nie ein Bezirk der Bohème, sondern einer der Werkstaetten, Mietshaeuser und Kolonien.
Gerade darin liegt sein eigener Charakter. Wer durch Friedrichsfelde, Karlshorst oder Rummelsburg geht, laeuft an Strassennamen, Gedenktafeln und Graebern vorbei, die von diesen Biografien erzaehlen. Die Liste bleibt unvollstaendig, denn Lichtenberg bringt weiter Menschen hervor, deren Geschichten erst noch geschrieben werden.